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Vita - Energie in Schwarz, Rot und Gold

Die Heim-WM 2007 hob Handball in der deutschen Öffentlichkeit auf eine neue Stufe.

Dabei hatte Bundestrainer Heiner Brand vor dem „Wintermärchen“ mit vielen Problemen zu kämpfen. Sein größtes Sorgenkind, Torwart Henning Fritz, kann über die Gründe seiner tiefen Krise vor dem Turnier erst heute sprechen.

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Es gab diesen Moment, der ihnen offenbarte, dass mit dem Handball in Deutschland gerade etwas völlig Neues passierte. Etwas, was in dieser Form noch nie dagewesen war. Christian Schwarzer, Torsten Jansen, Henning Fritz & Co. wurde dies am 26. Januar 2007 bewusst. Als Bundestrainer Heiner Brand in der Sportschule Kaiserau bei Dortmund, einen Tag vor der Hauptrundenpartie gegen Frankreich, die obligatorische Pressekonferenz abhielt.

Die Profis saßen nur 50 Meter entfernt davon und warteten auf das Ende, um ihrerseits für Gespräche zur Verfügung zu stehen. Irgendwann registrierten sie, dass die Pressekonferenz im Fernsehen zu sehen war. Live. „Wir haben dann durch die Kanäle gezappt“, erzählt Henning Fritz. „Und fast überall wurde diese Pressekonferenz live übertragen. Das fanden wir so irre. Das hatte es noch nie gegeben. Da haben wir uns plötzlich wie die Fußballer gefühlt.“

Diese explodierende Aufmerksamkeit für den Handball: die über 21 Millionen Zuschauer, die dem Finale in Köln dann im Fernsehen zuschauten, wie die DHB-Auswahl gegen Polen mit dem 29:24-Sieg zum dritten Mal den Titel gewann: Das hob die Sportart bei der XX. Weltmeisterschaft in Deutschland zehn Jahren auf eine völlig neue Ebene. Von einem „Wintermärchen“ war die Rede. Und das war nicht allein auf die sportlichen Erfolge gemünzt.

Dieses Turnier profitierte stark von der Fußball-WM 2006, als die Deutschen erstmals nationale Symbole mit fröhlicher Leichtigkeit gefeiert hatten. Überall wehten nun auch in den Handball-Arenen Fahnen in Schwarz, Rot und Gold. Fritz hat noch in lebhafter Erinnerung, was diese Atmosphäre mit ihm anstellte. „Plötzlich sangen alle Fans vor dem Spiel die Hymne, auch das war neu“, sagt er. „Als die 20.000 Zuschauer in der Kölnarena vor dem Spiel die Hymne geschmettert haben, hat mir das eine große Energie gegeben.“ 

Zu dem Rausch trug freilich auch das sportliche Wunder bei, das die deutschen Gastgeber in den gut zwei Wochen in Berlin, Halle/Westfalen, Dortmund und Köln schrieben. Dabei hatte das Team vor dem Turnier mit herben Ausfällen zu kämpfen, Kapitän Markus Baur, Florian Kehrmann und Oleg Velyky waren nicht fit. Andere Schlüsselspieler kämpften mit tiefen Krisen. So auch Torwart Henning Fritz, der während des Turniers die wundersamste Wiederauferstehung erlebte.

Heute, ein Jahrzehnt später, kann Fritz über diese dunkle Zeit, die er vor der WM durchlitt, offen reden. Damals schwieg er über die Erschöpfungssymptome, die auf Burn-Out hinwiesen und nicht weniger als seine Karriere bedrohten. „Es war für mich schwer, wenn nicht unmöglich, darüber zu reden“, sagt Fritz im Gespräch mit HANDBALL inside. „Man ist allein auf sich gestellt, wenn man Burn-Out-Symptome hat, wenn man total erschöpft ist. Ich war einfach total platt. Wie hätte ich das kommunizieren sollen? Mit wem hätte ich darüber reden können?“

Der Beginn dieser dunklen Zeit markierte, welch eine Ironie, seine höchste Auszeichnung: die Wahl zum Welthandballer des Jahres 2004. „Das ist ja ein starkes Stück, eine richtige Überraschung. Ich freue mich, das ist eine Riesenehre, das kann ich nicht in Worte fassen. Es gab schon so viele gute Torhüter, das ist unglaublich“, sagte Fritz, als er im April 2005 davon erfuhr. Eine logische Wahl, denn Fritz hatte beim EM-Titel und auch bei Olympia 2004 wie ein Überirdischer gehalten. Aber die Ehrung beflügelte ihn nicht. Im Gegenteil. „Damit fing alles an“, sagt Fritz.

Fritz hatte, weil Mattias Andersson verletzt war, fast die gesamte Rückrunde im Tor des THW Kiel gestanden und war plötzlich mit Problemen konfrontiert, mit denen er noch nie zu tun gehabt hatte. „Ich hatte bis dahin meine Leistung immer kontinuierlich gesteigert“, erzählt er. Aber schon am Ende dieser Saison registrierte er, dass er nicht mehr zu dieser totalen Konzentration fähig war.

Sein Körper streikte. Das wurde im Sommer 2005 offensichtlich, als die Profis des THW Kiel im kleinen Dörfchen Felde nahe Kiel ihre Kondition bolzten. „Ich bin zwei Runden gelaufen und konnte nicht mehr“, erinnert sich Fritz. „Ich war nie der beste Läufer, aber das war ein Warnsignal.“ Die Sorgen wurden in den Testspielen noch größer. „Beim Unser Norden-Cup, in der Vorbereitung auf die Saison 2005/06, konnte ich auf einmal den Ball nicht mehr fokussieren. Damit nimmt man sich die Stärke. Damit ging alles verloren.“

Die Leistung, die er gewohnt war, sie kehrte nicht zurück. „Der Unglaubliche ist müde“, titelte im November 2005 der Kölner Stadt-Anzeiger. Niemand ahnte, womit er tatsächlich zu kämpfen hatte, auch in der Nationalmannschaft erzählte er nichts davon. „Ich habe das mit mir abgemacht“, sagt Fritz. Eine solche Haltung folgte damals, lange bevor der Freitod des Torhüters Robert Enke im Jahr 2009 ein Bewusstsein für diese Symptome schuf, der Logik des Leistungssports. Niemand durfte Schwäche zeigen. Nur seiner Frau vertraute sich Fritz zunächst an.

Bei der Europameisterschaft 2006 in der Schweiz stand Fritz im Tor der Nationalmannschaft, aber er war nicht mehr der gleiche. „Es war nicht mehr so wie früher. Es fühlte sich nicht mehr so an wie 2004, als ich alles gehalten hatte“, berichtet er. Aber war nicht auch die Abwehr brüchiger als 2004? „Das war mir egal“, antwortet Fritz. „Ich hatte den Anspruch, auch die freien Bälle zu halten. Es reichte nicht mehr, um Weltklasse zu sein. So habe ich das damals gesehen.“

Fritz litt an diesem Zustand, er glitt in eine Spirale der Verzweiflung. Dann, drei Spieltage vor der Saison 2005/06, ging er zu Trainer Noka Serdarusic und sagte: „Irgendwas ist nicht in Ordnung. Aber ich ziehe bis zum Ende voll durch.“ Serdarusic antwortete: nichts. Aber Trainer und THW-Manager Uwe Schwenker reagierten. „Als ich im Sommerurlaub war, bekam ich dann von Uwe eine SMS. Darin stand: Wir haben Thierry Omeyer verpflichtet.“ Sie waren nun drei Torhüter. Das Szenario war klar: Der THW wollte Fritz loswerden. „Ich nehme die Herausforderung an“, sagte Fritz.

Der folgende Herbst in Kiel entwickelte sich für Fritz zu einem Vorhof zur Hölle. Nicht, dass er oft nur auf der Bank saß. Serdarusic setzte ihn sogar auf die Tribüne. „Das Normalste im Herbst 2006 wäre gewesen: ein halbes Jahr ganz raus aus dem Leistungshandball“, sagt Fritz. „Das wäre es dann aber gewesen mit der Weltmeisterschaft im eigenen Land.“ Aber es waren dann zwei Personen, die ihm Mut machten und einen Ausweg wiesen.

Einerseits setzte der Bundestrainer weiter auf Fritz. Und dann war da noch Ulrich Conrady. Fritz hatte schon einige Bereiche der Alternativmedizin ausprobiert, als Marion Baur, die Ehefrau von Nationalmannschaftskapitän Markus Baur, in einem Telefonat seiner Ehefrau Babette auf den Neuro-Coach aus Hillentrup bei Lemgo hinwies. „Ich kenne da jemand, der macht Musiktherapie, vielleicht hilft das“, meinte Marion Baur. Und Fritz probierte es aus. „Ich wollte unbedingt was verändern.“ 

Conrady nannte seine Therapie „Audiovisuelle Wahrnehmungsförderung“, kurz AVWF. Es ist ein Verfahren, „das über modulierte Schallwellen das autonome Nervensystem positiv beeinfluss und in Balance bringt“. AVWF wirke bei Reizüberflutung und krankmachendem Stress in Beruf und Alltag entgegen. Das hörte sich vor zehn Jahren ziemlich esoterisch an, gerade für Leistungshandballer.

Nach der ersten Sitzung in Ostwestfalen geschah jedoch etwas. „In dieser Phase brauchte ich zehn, elf oder manchmal sogar zwölf Schlaf, um mich zu erholen. Aber nach der ersten Sitzung schlief ich nur sechs oder sieben Stunden und fühlte mich trotzdem gut erholt. Da habe ich gedacht: Das ist interessant.“ Danach machte Fritz sich oft auf den Weg, wenn das letzte Training in Kiel absolviert war, fuhr nach Hillentrup, machte abends eine Sitzung mit Conrady. Und übernachtete dort, um morgens noch eine Sitzung folgen zu lassen.

Da die Therapie so gut anschlug, bat Fritz seinen Kapitän, Heiner Brand davon zu überzeugen, Conrady mit in die Mannschaft aufzunehmen. „Der muss mit zur WM, habe ich zu Schorsch gesagt“, erzählt Fritz. Und Brand stimmte zu, den Kaderspielern dieses System auf freiwilliger Basis anzubieten. Bei den Länderspielen in Leipzig und Dessau, zwei Monate vor der WM, als sich Kehrmann einen Mittelhandbruch zuzog, war Conrady das erste Mal dabei.

In diesen Wochen stabilisierte sich Fritz allmählich, er hielt gut im Tor der Nationalmannschaft. Und doch es war keineswegs abzusehen, ob er es bis zur WM in die alte Form schaffen würden und dort mit Konstanz das Niveau würde halten können. Interviews mit Journalisten, die ihn wegen seiner Tribünendaseins in Kiel sprechen wollten, wich Fritz in den Wochen vor der WM weiter aus. „Was sollte ich denen auch erzählen? Ich konnte über den Burnout nicht reden.“ Im Dezember hatte er, trotz aller Probleme, in Kiel seine Option bis 2009 gezogen, woraufhin Serdarusic düster dies mitteilte: „Jetzt muss er mit mir leben. Und ich mit ihm.“

Die Sterne schienen im Januar ungünstig zu stehen, und das nicht nur wegen Fritz, sondern auch weil Baur und andere Spieler wie Glandorf nicht in Topform agierten. Tiefpunkt war das letzte Testspiel vor der WM, in einer kleinen Halle in Herrsching gegen Ägypten. „Da steht man als Torwart hinten und sieht, dass Mimi Kraus und Holger Glandorf nicht in der Lage sind, aus zwei Metern Entfernung den Ball zu übergeben, es war nur furchtbar“, erinnert sich Fritz. 

Die sportliche Auferstehung der deutschen Mannschaft während der WM, sie wurde danach millionenfach erzählt. Der Start in Berlin gegen Brasilien (27:22), der nicht minder harzige Sieg gegen Argentinien (32:20), schließlich die Niederlage im letzten Gruppenspiel gegen Polen (25:27), obwohl Routinier Christian Schwarzer, der für den verletzten Klimovets kam, seinen ersten Einsatz erhielt – das Team bot zu Beginn ein jämmerliches Bild.

Dann die Wende gegen Slowenien (35:29), als Pascal Hens auf einmal durchbrach und die Fans in Halle/Westfalen einen derartigen Lärm veranstalteten, dass die Zeitungen von einem „Urknall“ berichteten. Figuren wie Torsten Jansen, der wohl der beste deutsche Profi bei der WM war, steigerten sich nun von Spiel zu Spiel. Nur Fritz haderte in diesem vierten WM-Einsatz noch mit seiner Form; in der zweiten Halbzeit brachte Brand den zweiten Keeper Johannes Bitter. 

Erst im folgenden Hauptrundenspiel gegen Tunesien (35:28), nun in Dortmund, erinnerte der Torwart an alte Zeiten, nun ballte die Faust nach Paraden und blickte den Gegenspielern entschlossen hinterher. Und als Fritz auch in der folgenden, spektakulären Partie gegen den Favoriten Frankreich (29:26) in Topform präsentierte, war er endlich im Turnier. „Danach lief es von ganz alleine“, sagt Fritz. „Der alte Fritz ist wieder da“, hieß es nun in den Zeitungen.

Nach den Siegen gegen Island (33:28) und dem Viertelfinalkrimi gegen Spanien (27:25), dem ersten Spiel in Köln, stieg die Aufmerksamkeit, eine Handball-Euphorie erfasste die Republik. Im Halbfinale gegen Frankreich schauten erstmals über zehn Millionen Zuschauer zu, als Fritz in der Verlängerung den letzten Wurf von Daniel Narcisse abwehrte und den Ball als Trophäe mit in die Kabine nahm. Das Bild von Fritz, der in der Euphorie von seinen Mitspielern durch die Kölnarena getragen wird, zählt zu den bewegendsten Bildern dieser Weltmeisterschaft.

Nur ein Schreck war noch zu überstehen: Als Fritz in der 35. Minute des Finales eine Wadenverletzung erlitt, tönten „Henning Fritz“-Chöre durch die Arena. Aber Fritz kam nicht mehr zurück, Bitter musste ihn nun ersetzen. „Das war die Hölle, das von außen ansehen zu müssen“, sagt Fritz, und als Bitter die ersten Bälle („alle aus freier Position“) nicht halten konnte und das deutsche System ins Wanken geriet, wurden die Qualen noch größer. Die Wende war ein Ball von Polens Regisseur Wleklak. „Den Ball bekam Jogi genau auf die Ommel, danach war er wach“, erinnert sich Fritz lachend. Die Siegeszeremonie nach dem 29:24-Sieg gegen Polen, diesen einzigen Rausch in der Kölnarena und auf dem Balkon des Kölner Rathaus, erlebte Fritz dann auf Krücken.

Was danach bei Party in ihrem Hotel in Wiehl bei Gummersbach passierte, blieb bei Fritz, der schließlich ins All-Star-Team gewählt wurde, weniger im Gedächtnis haften. Stärker in Erinnerung geblieben ist die letzte Fahrt aus dem Oberbergischen nach Köln, als vor dem Finale die Straßen von Menschen gesäumt wurden. „Die Fans standen überall, an der Straße von Wiehl zur Autobahn, auf den Autobahn-Brücken, wir saßen im Bus und haben uns einfach nur gefreut über diese Unterstützung.“ Auf dieser Busfahrt, sagt Fritz, begriff er noch einmal, dass da etwas Einmaliges mit den Handballern und ihrer Sportart passierte. „Das war ein so schönes Gefühl.“

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